„Narrative Medizin Erleben“ Blog – Impulse und Inspirationen aus Lehre und Praxis

Liebe Leserin, Lieber Leser,

Nach meinem Podcast Beitrag zu Narrativer Medizin beim „Klinisch Relevant Podcast“ erreichten mich einige Zuschriften, ob es meine Erfahrungsberichte zu Narrativer Medizin in Lehre und Praxis auch auf deutsch gibt.

Zunächst musste ich antworten: leider nicht, da ich mein Buch über Narrative Medizin auf Englisch schreibe (einfach aus dem Grund dass das Thema im englischsprachigen Raum bereits viel größer ist als im deutschsprachigen).

Doch dann dachte ich mir: schade eigentlich. Denn eigentlich hätte ich auch Lust zusätzlich etwas lockerer und auf deutsch zu schreiben.

Das war die Geburtsstunde dieses Blogs! Allerdings gleich ein kleiner Disclaimer: Wirklich regelmäßig werde ich hier erst ab 2026 posten können, da es noch einige Projekte gibt, die auf Fertigstellung warten und die mich bis Ende des Jahres gut beschäftigt halten dürften. Trotzdem gibt es ein paar Texte die schnell zu übersetzen sind und damit auch schon in den nächsten Wochen hier erscheinen werden.

Ich möchte über meine Erfahrungen mit der Narrativen Medizin in Lehre und klinischer Praxis schreiben, um zu inspirieren und vielleicht auch andere zu motivieren diese oder ähnliche Konzepte selbst umzusetzen.

Doch zuvor müssen wir erstmal klären was ich unter Narrativer Medizin verstehe…

Zu den aktuellen Posts

Der Übersichtlichkeit halber erscheinen neue Posts immer erst hier und werden erst nach Abschluss eines Themas fortlaufend und in chronologischer Reihenfolge auf dieser Seite angefügt. Schreiben Sie mir eine kurze Mail und ich informiere sie persönlich, wenn es einen neuen Beitrag gibt!

Ältere Blog-Beiträge in chronologischer Reihenfolge:

Was ich meine, wenn ich von narrativer Medizin spreche (Michael A. Pelzl, Juli 2025)

Es ist ein in unserer naturwissenschaftlich geprägten Zeit ein oft vergessener Aspekt, dass die Medizin nicht nur aus Zahlen, Fakten und Diagnosen besteht, sondern auch aus Geschichten. Sie ist so gesehen auch eine Kunst, die viel aus dem Hören, Wiedergeben und Schaffen von Geschichten besteht. Geschichten, die uns berühren, zum Nachdenken anregen und uns zeigen, wie es ist, in den Schuhen eines anderen zu stehen. Genau darum geht es bei der „narrativen Medizin“ – einer Methode oder eher einem ganzen Handlungssystem, das die Medizin und Geisteswissenschaften verbindet, um die medizinische Lehre und Praxis zu bereichern.

Während ihrer (doch sehr naturwissenschaftlich geprägten) Ausbildung erhalten Medizinstudierende oft den Eindruck, dass es in der Medizin für jedes Problem genau eine „richtige Lösung“ gibt – ein klar definierter Weg, der nur gefunden werden muss, um den Patient*innen zu helfen. Doch schon zu Beginn ihrer klinischen Tätigkeit werden sie mit der Realität konfrontiert: Behandlungsfälle sind häufig von Mehrdeutigkeit geprägt. Klinische Entscheidungen verlangen nicht nur präzises Wissen, sondern auch den Umgang mit Unsicherheiten und ambivalenten Gefühlen – sowohl bei Ärzt*innen als auch bei Patient*innen.

Geschichten, in all ihrer Komplexität und den unterschiedlichen Perspektiven, können eine wertvolle Vorbereitung auf solche Situationen sein. Sie spiegeln Ambivalenz und Unklarheit wider, lösen ähnliche Gefühle beim Leser oder der Leserin aus und fördern so die Toleranz gegenüber diesen Gefühlen sowie die Fähigkeit, angemessen damit umzugehen. Bereits vor fast 20 Jahren argumentierte die Ärztin und Literaturwissenschaftlerin Rita Charon in ihrem bahnbrechenden Werk zur narrativen Medizin („Narrative Medicine: Honoring the Stories of Illness“, 2006), dass narrative Kompetenzen – wie das Erstellen, Interpretieren und Diskutieren von Geschichten und Texten – ein zentraler Bestandteil der ärztlichen Ausbildung sein sollten. Leider ist dieser Ansatz außerhalb Amerikas, insbesondere an europäischen Universitäten, bislang nur wenig umgesetzt worden.

Besonders in sprachbasierten Disziplinen wie der Psychiatrie und der psychosomatischen Medizin ist es essenziell, die Erzählungen von Patient*innen nicht nur aufzunehmen, sondern auch kompetent darauf zu reagieren. Hinweise auf Ambivalenzen in der Lebensgeschichte oder im Krankheitsverlauf zu erkennen und gezielt darauf einzugehen, ist entscheidend, um Behandlungsblockaden zu vermeiden.  Narrativen Medizin in der Ausbildung sensibilisiert angehende Ärzt*innen, meiner Erfahrung nach, genau für solche Aspekte und vermittelt grundlegende Techniken, um narrative Kompetenzen aufzubauen und anzuwenden.

Doch die Bedeutung narrativer Elemente reicht über die therapeutischen Fächer hinaus. Die Anamnese – das Erfassen der Krankengeschichte – ist seit jeher eine der zentralen Aufgaben der Medizin. Sie dient nicht nur dazu, mögliche Ursachen der Beschwerden zu identifizieren, sondern auch die Menschen hinter den Symptomen zu verstehen. Nur durch ein fundiertes Verständnis der persönlichen Geschichte können wir eine individuell angepasste Therapie entwickeln, die dem Patienten oder der Patientin wirklich gerecht wird.

Ein oft zitiertes Sprichwort in der medizinischen Ausbildung lautet: „Wir behandeln Menschen, keine Krankheiten“. Und Menschen konstruieren ihre Identität durch die Geschichten, die sie über sich selbst erzählen. Diese Narrative sind daher nicht nur Teil ihrer Biografie, sondern auch ein unverzichtbares Element einer modernen, individualisierten Medizin. Wie Michael Scheffel in seinem Werk „Erzählen als anthropologische Universalie“ (2004) betont, ist das Erzählen nicht nur ein literarisches, sondern ein zutiefst menschliches Phänomen, das uns dabei hilft, unser Leben zu ordnen und zu begreifen.

Indem wir narrative Kompetenzen in der medizinischen Ausbildung fördern, schärfen wir nicht nur das Verständnis für die komplexen Lebensrealitäten unserer Patient*innen, sondern machen auch einen entscheidenden Schritt hin zu einer empathischen, ganzheitlichen und letztlich wirksamen Medizin.

Meine persönliche Herangehensweise ist dabei so einfach wie wirkungsvoll: Statt mit trockenen Definitionen beginnt der Unterricht mit einer Erzählung, einer Szene aus einem Film oder einem literarischen Werk. Diese Geschichte wird zum roten Faden, der durch die gesamte Lehrveranstaltung führt. Sie ist Ausgangs- und Endpunkt vieler offener Diskussionen, Reflexions- und Schreibübungen, sowie meiner Vermittlung von Faktenwissen, das durchaus auch weiterhin seinen hohen Stellenwert hat. So wird nicht nur Interesse geweckt, sondern das Wissen verankert sich tief, weil es emotional verknüpft wird.

Zudem werden in den Werken, die darauf ausgelegt sind Spannung durch ethische und zwischenmenschliche Konflikte aufzubauen oft Themen angeschnitten, die auch in der medizinischen Realität relevant sind, in den theoretischen Lehrbüchern aber keinen Platz finden. Was bedeutet es wirklich durch eine Schizophrenie den Kontakt zur „geteilten Realität“ zu verlieren? Ist die oft ablehnende Haltung von medizinischem Fachpersonal gegenüber Alkoholikern vielleicht sogar sinnvoll? Und wie schädlich ist der ärztliche Beruf eigentlich für jene die ihm nachgehen? All diese Themen wurden in meinen Seminaren schon behandelt und sollen auch in diesem Blog Eingang finden.

Ein kurzer Blick in die wissenschaftliche Literatur zur narrativen Medizin

Wie schon erwähnt legte eine Veröffentlichung von Rita Charon aus dem Jahr 2001 das konzeptionelle Fundament der narrativen Medizin. Zwar handelte es sich nicht um eine empirische Studie, doch schuf Charon mit diesem Text ein theoretisches Modell, das Empathie, Reflexion und Vertrauen als zentrale Elemente einer patientenzentrierten Medizin hervorhob. Sie argumentierte, dass gezieltes Training narrativer Kompetenzen – etwa im genauen Lesen, Deuten und Verfassen von Geschichten – das Verständnis für die Erfahrungen von Patient*innen vertiefen und die ärztliche Praxis menschlicher machen kann. Ihre Überlegungen ebneten den Weg für spätere Forschungsarbeiten und die Integration narrativer Ansätze in medizinische Curricula.

In den vergangenen Jahren hat sich die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit der narrativen Medizin in der Ausbildung weiter gefestigt.

Ein systematisches Review von Milota, van Thiel und van Delden aus dem Jahr 2019 zeigt, dass strukturierte Programme der narrativen Medizin – mit einem Fokus auf aktiver Teilnahme und reflektierendem Schreiben – die Empathie, das Wissen und die kommunikativen Fähigkeiten von Medizinstudierenden nachweislich fördern können. Gleichzeitig besteht weiterhin ein Mangel an gesicherten Erkenntnissen zur langfristigen Wirkung auf das klinische Verhalten und die Patient*innenversorgung (Milota et al. 2019).

Ein aktuelleres Beispiel liefert eine Studie von Leijenaar und Kolleg*innen, in der eine verpflichtende Unterrichtseinheit zur narrativen Medizin im Curriculum einer niederländischen medizinischen Fakultät untersucht wurde („An invitation to think differently“). Die Intervention richtete sich an Studierende im vierten Studienjahr und verband die präzise Analyse literarischer und filmischer Werke mit reflektierendem Schreiben und Gruppengesprächen. Das Ergebnis: gestärkte patientenzentrierte Haltungen und eine vertiefte Reflexionsfähigkeit – und das in einem Format, das für alle verpflichtend war und damit nicht nur wenige Interessierte ansprach, wie es den Wahlfächern, in denen NM oft unterrichtet wird vorgeworfen werden kann (Leijenaar et al. 2023).

Warum funktionieren Filme und Literatur in der Lehre? Ganz einfach: Sie schaffen Identifikation. Eine Filmszene oder eine Romanfigur ermöglicht es, Situationen nachzuempfinden, die man selbst nie erlebt hat. Statt abstrakter Diagnosen sehen die Studierenden plötzlich einen Menschen mit Ängsten, Hoffnungen und Träumen. Das spricht uns als Menschen an, ist tief in uns verwurzelt.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Unterricht zu dem wir später noch ausführlicher kommen werden: Wenn wir über Schizophrenie sprechen, starten wir mit dem Film A Beautiful Mind. Die Geschichte von John Nash, einem Mathematiker mit paranoider Schizophrenie, vermittelt nicht nur Fakten über die Krankheit, sondern lässt die Zuschauer erahnen, wie es sich anfühlen könnte, wenn die eigene Realität ins Wanken gerät. Diese emotionale Verbindung bleibt oft länger im Gedächtnis als jede PowerPoint-Folie.

Eine Methode mit Potenzial – und offenen Fragen

Die narrative Medizin hat ein enormes Potenzial, das Lernen in der Medizin zu revolutionieren. Sie schafft nicht nur Wissen, sondern auch ein tieferes Verständnis für die Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig gibt es noch viel zu erforschen. Wie nachhaltig sind die Effekte? Wie lassen sich narrative Methoden systematisch in den Lehrplan integrieren? Und wie gelingt es, die Balance zwischen wissenschaftlicher Präzision und emotionaler Resonanz zu halten?

Was aber sicher ist: Die Kombination aus Geschichten und Medizin kann Türen öffnen – Türen zu einem tieferen Verständnis von Krankheit, Heilung und Menschlichkeit, aber auch den „Schattenseiten“ der modernen Medizin – Verausgabung des Personals, unmenschliche Behandlung und die vielen Probleme des bürokratischen und ökonomisierten Medizinsystems.

Wie ich schon zu Beginn gesagt habe: Medizin ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst. Und auch wenn sie natürlich einerseits präzise Wissenschaft ist und auch sein sollte, ist sie doch keine Naturwissenschaft, sondern eine „Erfahrungswissenschaft“. Erfahrungen werden aber nicht nur in Zahlen und Fakten weitergegeben, sondern seit jeher primär in Form von Geschichten.

Quellen

1.       Charon, R. (2001). Narrative medicine: A model for empathy, reflection, profession, and trust. JAMA, 286(15), 1897–1902. [https://doi.org/10.1001/jama.286.15.1897](https://doi.org/10.1001/jama.286.15.1897)

2.       Leijenaar, E., Eijkelboom, C., & Milota, M. (2023). “An invitation to think differently”: A narrative medicine intervention using books and films to stimulate medical students’ reflection and patient-centeredness. BMC Medical Education, 23, 568. [https://doi.org/10.1186/s12909-023-04666-2](https://doi.org/10.1186/s12909-023-04666-2)

3.       Milota, M. M., van Thiel, G. J. M. W., & van Delden, J. J. M. (2019). Narrative medicine as a medical education tool: A systematic review. Medical Teacher, 41(7), 802–810. [https://doi.org/10.1080/0142159X.2019.1584274](https://doi.org/10.1080/0142159X.2019.1584274)

„A beautiful mind“ als Zugangsweg zu den „Psychosen“ – Ein Bericht zu einem Onlineformat an der Universität Bratislava (Michael A. Pelzl, August 2025)

Die hier dargestellte Lehrveranstaltung war Teil meines Wahlfachs „Narrative Medizin“, das ich im Wintersemester 2022 erstmals als Online-Seminar über MS Teams an der Komenius-Universität in Bratislava angeboten habe. Teilnehmende waren Studierende im fünften klinischen Jahr sowie approbierte Ärzt*innen und Psycholog*innen der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bratislava.

Ziel dieser Einheit war es, ein tieferes Verständnis für das Krankheitsbild der Psychose – insbesondere der paranoiden Schizophrenie – zu fördern: nicht nur im klinischen Sinne, sondern vor allem mit einer empathischen Perspektive auf das damit verbundene Leid, die Stigmatisierung und die oft gravierenden Auswirkungen auf Lebensqualität und soziale Teilhabe von Betroffenen und Angehörigen.

Bereits im Vorfeld hatte ich per E-Mail eine „Trigger-Warnung“ verschickt, da in dieser Sitzung sensible Themen wie Suizidalität, Selbstverletzung und soziale Ausgrenzung thematisiert wurden. Ich lud alle Teilnehmenden ein, sich bei mir zu melden, falls sie sich mit diesen Inhalten unwohl fühlten, um gemeinsam eine passende Lösung zu finden – etwa durch Auslassung einzelner Szenen. Diese Option wird zwar selten in Anspruch genommen, ist mir aber wichtig. Ich bin der Überzeugung, dass auch Medizinstudierende nicht automatisch verpflichtet sein sollten, sich mit allem konfrontieren zu lassen, nur weil sie dieses Studium gewählt haben.

Einstieg in die Thematik: Filmische Annäherung an das Erleben der Psychose

Um den Zugang zu diesem komplexen Krankheitsbild zu erleichtern, analysierten wir gemeinsam Schlüsselszenen aus dem Film A Beautiful Mind, der das Leben des Mathematikers John Nash schildert, der an paranoider Schizophrenie erkrankt. In einer Szene beschreibt sein behandelnder Psychiater die Erkrankung mit den Worten:

“The nightmare of schizophrenia is not knowing what’s true. Imagine if you had suddenly learned that the people, the places, the moments most important to you were not gone, not dead, but worse… they’ve never been.”

Unsere Eröffnungsfrage lautete: Dient diese Aussage lediglich der dramatischen Überhöhung für ein Kinopublikum – oder enthält sie Einsichten, die Ärztinnen helfen kann, das Erleben von Patientinnen besser zu verstehen?

Struktur der Sitzung: Von Definitionen zur gemeinsamen Reflexion

Da die Vorkenntnisse im Bereich Psychiatrie unter den Teilnehmenden sehr unterschiedlich waren, begannen wir mit einer gemeinsam erarbeiteten, bewusst niedrigschwelligen Arbeitsdefinition von „Psychose“, ohne zunächst einfach nur die Diagnosekriterien zu bemühen. Diese wurde in der Diskussion als ein (teilweiser) Verlust des Bezugs zur geteilten Realität beschrieben – ein Zustand, in dem Menschen Dinge erleben, die für sie real und bedeutsam sind, für andere jedoch nicht zugänglich oder nachvollziehbar.

Dabei stellten wir auch die fast philosophische Frage, was „geteilte Realität“ eigentlich ist – und einigten uns auf eine pragmatische Definition: Die geteilte Realität ist jene Welt, die wir über unsere Sinne wahrnehmen und mit anderen durch Sprache so weit teilen, dass eine Verständigung möglich ist. Die Farbe einer roten Ampelleuchte etwa lässt sich wahrnehmen und in Worte fassen – auch wenn ihre Bedeutung oder emotionale Bewertung verschieden sein kann.

In der Diskussion äußerten die Studierenden, dass sie sich Psychosen als ein radikales Herausfallen aus dieser geteilten Welt vorstellten: Wenn jemand etwas wahrnimmt – z. B. eine Stimme hört –, das für andere nicht existiert, wird jede Kommunikation darüber zu Verwirrung führen. Betroffene stoßen mit ihren Erlebnissen oft auf Unverständnis, Ablehnung oder sogar Aggression – obwohl das Erlebte für sie selbst absolut real erscheint. Diese Einschätzung konnte ich aus meiner klinischen Erfahrung bestätigen.

Eine Teilnehmerin brachte es treffend auf den Punkt: „Menschen mit Psychose sind nicht nur aus der geteilten Realität ausgeschlossen – sie sind gleichzeitig in ihrer eigenen Realität gefangen.“ Der Wunsch, verstanden zu werden, kollidiert mit dem fundamentalen Unverständnis, das die Umwelt diesen Erlebnissen gegenüber aufbringt.

Filmische Szenenanalyse als emotionaler Zugang

Um die Empathie für diese Situation noch weiter zu fördern, analysierten wir gemeinsam mehrere Szenen aus dem Film. In der ersten vertraut sich Nash seiner Frau an und berichtet von seiner Angst, Teil einer gigantischen Verschwörung zu sein. Diese reagiert nicht wie erwartet mit Trost, sondern konfrontiert ihn – nach einem Blick in seinen Arbeitsraum – mit der bitteren Wahrheit: Seine „Entdeckungen“ existieren nicht.

Diese Szene löste spürbare Betroffenheit bei den Teilnehmenden aus. „Für ihn bricht eine ganze Welt zusammen“, sagte ein Studierender – und meinte nicht nur die Veränderungen in seinem Alltag, sondern auch seine innere Gewissheit, die fundamental in Frage gestellt wird- und das Vertrauen zu seiner Partnerin. Als Nash sich daraufhin in den Arm schneidet, um einen vermeintlich implantierten Sender zu entfernen, vermuteten einige Teilnehmer*innen einen Suizidversuch. Andere sahen darin eher den Versuch, seine Wahnidee zu verifizieren.

Die Diskussion entwickelte sich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Selbstverletzung, suizidalen Impulsen und der psychischen Not, die eine Konfrontation mit schwerer, chronischer Krankheit auslösen kann. Es wurde deutlich, wie schmerzhaft es sein muss, wenn das eigene Erleben nicht nur angezweifelt, sondern vollständig negiert wird – selbst von den nächsten Angehörigen. Statt dem Ansehen, das er zuvor als genialer Professor innehatte, wird nun als Erkrankter auf ihn herabgeblickt (filmisch sehr treffend dargestellt) und über seinen Kopf hinweg entschieden.

Anschließend stellte ich in kompakter Form die Kernsymptome und Diagnosekriterien der Schizophrenie vor, um eine gemeinsame medizinische Grundlage für die Analyse der folgenden Szenen zu schaffen.

In einer weiteren Szene war Nash erneut in einer akuten Phase seiner Erkrankung. Er hatte seine Medikamente eigenmächtig abgesetzt. Während einer Halluzination lässt er sein Kind – in dem Glauben, ein „Kollege“ passe auf – allein in der Badewanne. Als seine Frau ihn zur Rede stellt, wird er von einer Halluzination aufgefordert, sie zu töten. Er widersteht, stößt sie bei seinem inneren Kampf jedoch zur Seite, woraufhin sie mit dem Kind vor ihm flieht. Kurz darauf erkennt er erstmals, dass ein zentrales Element seiner Halluzination – ein kleines Mädchen – niemals älter geworden ist. Diese Erkenntnis führt zu einem Wendepunkt: Nash beginnt, seine Wahrnehmung zu hinterfragen – und seine Erkrankung zu akzeptieren.

Diese Szene führte zu einer Diskussion über zwei Aspekte: die mögliche Fremdgefährdung bei unbehandelter Psychose und die Frage, ob Einsicht in die Erkrankung aus dem Erleben selbst erwachsen kann. Einige Teilnehmende äußerten Bedenken: Der Film vermittle den Eindruck, nur Selbsterkenntnis führe zur Heilung – professionelle Hilfe erscheine zweitrangig. Andere sahen gerade darin einen realistischen Aspekt: Viele Patient*innen entwickeln gerade dann Krankheitsbewusstsein, wenn sie selbst Widersprüche in ihrem Erleben erkennen – ein Ansatz, der auch in modernen Psychotherapien gezielt gefördert wird.

Zwischen Soteria und Klinik: Rückkehr in den Alltag

Die letzte Szene zeigte Nash Jahre später. Er lebt mit seinen Halluzinationen, ignoriert sie aber bewusst. Er unterrichtet wieder, hat Unterstützung von seiner Universität, erfährt jedoch auch Ablehnung durch Studierende. In einer Rückfall-Episode schreit er im Innenhof seine Halluzinationen an. Ein Kollege führt ihn ruhig weg.

Diese Szene spaltete die Gruppe. Eine Psychiaterin kritisierte die Darstellung als „verantwortungslos“ – Nash erscheine unbehandelt, ungeschützt, potenziell gefährdet und gefährdend. Andere verteidigten die Szene als menschenwürdig und progressiv – es gab den Hinweis auf alternative Psychiatriemodelle wie „Soteria“, bei denen psychotische Menschen in einem nicht-klinischen Umfeld betreut werden. Gemeinsam wurde reflektiert, dass Nashs Weg keine Blaupause sein kann – wohl aber ein eindrückliches Beispiel dafür ist, wie individuelle Ressourcen und Unterstützung aus dem Umfeld ungewöhnliche Wege zum Umgang mit schweren chronischen Erkrankungen ermöglichen können.

Eine Studentin brachte es zum Abschluss auf den Punkt:

„Manchmal liegt die beste Lösung für einen einzigartigen Menschen außerhalb dessen, was wissenschaftlich für den Durchschnitt gilt.“

Abschließende Strukturierung: Fachwissen als Rückgrat, nicht als Ausgangspunkt

Erst nach dieser offenen und emotional intensiv geführten Diskussion folgte ein kurzer, systematischer Überblick über die gängigen Behandlungsansätze bei Schizophrenie – von antipsychotischer Medikation über Psychotherapie bis zu psychosozialen Maßnahmen. Die Reihenfolge war bewusst gewählt: Erst das Erleben, dann das Wissen. Diese Umkehrung der klassischen Lehrlogik soll kreatives Denken fördern und verhindern, dass Studierende sich zu früh die Szenen mit der Linse der gängigen Lehrmeinung ansehen. Wer zuerst spürt, fragt anders. Und wer anders fragt, versteht oft mehr.

Zudem baut das emotionale Erleben von Situationen in denen Überforderung und Herausforderung spürbar wird einen starken Wunsch auf sich Wissen und Verständnis anzueignen, das nützlich sein könnte, wenn man selbst in diese Situationen kommt.

Stimmen der Teilnehmenden

Die Auswahl des Films und der gezielt eingesetzten Szenen wurde von den Studierenden und postgradierten Teilnehmenden durchweg positiv aufgenommen. Besonders hervorgehoben wurde die Authentizität der Darstellung und der didaktische Mehrwert, den das filmische Medium als narrativer Einstieg zur Verfügung stellt:

„Während unseres Treffens zur narrativen Medizin wurden Ausschnitte aus dem Film „A Beautiful Mind“ als erzählerischer Einstieg in das Thema Psychose verwendet. Meiner Meinung nach beschreiben diese Szenen – und eigentlich der ganze Film – perfekt den Beginn, den Verlauf, aber auch die Behandlung der Schizophrenie, ohne die Realität, wie sie vom Patienten (in diesem Fall John Nash) erlebt wird, zugunsten von Marketingeffekten zu verfälschen.“

Auch inhaltlich wurde das Seminar als bereichernd empfunden. Mehrere Teilnehmende berichteten, dass sie bislang nur wenig Kontakt mit dem Thema Schizophrenie und Psychose hatten. Für manche war es die erste Gelegenheit, sich über das reine Lehrbuchwissen hinausgehend mit der Erkrankung auseinanderzusetzen:

„Persönlich war meine einzige informative Erfahrung zum Thema Psychiatrie – und speziell zu Psychose und Schizophrenie – vor diesem Treffen das Skriptum der Psychiatrie aus dem letzten Semester. Ich denke also, dass mir diese Diskussion bzw. dieses Treffen die Möglichkeit gegeben hat, auf eine angenehmere Weise tiefer in das bereits erwähnte Thema einzutauchen…“

Auch die didaktische Struktur der Sitzung – mit wechselnden Phasen aus Beobachtung, Diskussion und anschließender fachlicher Einordnung – wurde von den Teilnehmenden als hilfreich empfunden. Besonders betont wurde dabei die Verbindung von analytischem Denken und ästhetischer Erfahrung:

„Ich denke, die Faktoren, die mir geholfen haben, dieses ‚qualitativ bessere Wissen‘ zu erlangen, waren vor allem die Art und Weise, wie der Unterricht aufgebaut war (Beobachtung – Diskussion → Beobachtung – Diskussion → Präsentation), aber auch die Tatsache, dass das Lernen über ein künstlerisches Medium erfolgte, in diesem Fall ein Film.“

Ein Aspekt wurde jedoch auch kritisch reflektiert: Bei einer Teilnehmerin schien der Eindruck entstanden zu sein, erfolgreiche Behandlung hänge vor allem von einem stabilen sozialen Umfeld ab – während andere, moderne Behandlungsoptionen im Hintergrund bleiben, was zwar einen gewissen Realitätsgehalt hat, aber nicht als generelle Aussage gedacht war, die vermittelt werden sollte. Dies spiegelt sich in folgendem Kommentar:

„Ich glaube, dass Schizophrenie und Psychose zu den traurigsten Erkrankungen der Psychiatrie gehören – vor allem deshalb, weil sowohl die Phase der Erkenntnis als auch die der Behandlung stark davon abhängen, welche Unterstützungsgruppe der Patient bis zu diesem Zeitpunkt aufgebaut hat. Und es scheint leider oft der Fall zu sein, dass genau diese Basis durch die Krankheit nicht vorhanden ist. Dann sprechen wir über eine Art Teufelskreis…“

Diese Rückmeldung führte zu einer erneuten, kritischen Reflexion über die Struktur der Sitzung. Zwar wurden moderne Therapieoptionen am Ende des Seminars in Form einer klassischen PowerPoint-Präsentation vorgestellt, doch zeigte sich im Nachgang deutlich, dass die emotionale und narrative Wirkung der Filmszenen bei den Teilnehmenden dominierte. Für künftige Veranstaltungen ergibt sich daraus der klare Auftrag, evidenzbasierte Therapieoptionen nicht nur zu ergänzen, sondern aktiver und präsenter zu integrieren – eventuell ebenfalls durch audiovisuelle Materialien, die moderne Therapieansätze in narrativer Form zeigen, um die emotionale Tiefe des Films besser auszugleichen.

Trotzdem – und genau darin lag die didaktische Absicht – ermöglichte die Struktur des Seminars den Studierenden zunächst eine freie, unvoreingenommene Annäherung an das Thema. Erst danach folgte die Einbettung in medizinisches Fachwissen. Diese Herangehensweise zielt darauf ab, kreatives und kritisches Denken zu fördern, anstatt zu schnell in das Schema „Das passt zur Darstellung nach Lehrbuch, das ist falsch dargestellt“ zu verfallen. Die bewusste Öffnung für unterschiedliche Perspektiven, gefolgt von einer gemeinsamen fachlichen Einordnung, stärkt die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz, also genau dem Aushalten von Situationen, die denen nicht direkt erkennbar ist was die richtige oder falsche Herangehensweise ist – eine Qualität, die im klinischen Alltag oft entscheidend ist, um mit komplexen Situationen empathisch und professionell umzugehen.

Fazit: Eine Brücke zwischen Film und Realität

Die Evaluationen machen deutlich, dass die narrative Methode in Kombination mit einem künstlerischen Medium wie Film ein kraftvolles Werkzeug ist, um Wissen zu vermitteln und zugleich Empathie zu fördern. Sie zeigen aber auch, wie wichtig es ist, die Balance zwischen emotionaler Wirkung und wissenschaftlicher Fundierung zu halten.

Für zukünftige Seminare ist das Ziel klar: Die beeindruckende Wirkung des Films A Beautiful Mind nutzen, aber gleichzeitig den Studierenden ein breites und modernes Verständnis der Therapiemöglichkeiten an die Hand geben. Denn, wie eine Teilnehmerin es ausdrückte, dieses Seminar war nicht nur eine Lehrveranstaltung, sondern „eine Gelegenheit, tiefer in die Materie einzutauchen – und das auf eine angenehmere Weise“.